Nachruf an einen Freund. Cymerwch ofal!

(ENGLISH VERSION below)

Gestern erreichte mich eine traurige Nachricht. Mel Thomas ist tot. Mel war nicht nur Archivar des walisischen Fußballs, der die Landespresse mit allem versorgte, was sie wissen wollte, sondern vor allem liebgewonnener Freund. Es muss um 1994 gewesen sein, als wir uns kennenlernten. Ich war auf der Suche nach Informationen zu walisischen Vereinen und er lud mich ein, zu sich nach Hause in Blaenau Ffestiniog in Snowdonia zu kommen. Mit dem National-Express-Bus reiste ich über wilde Routen von Bristol an, stieg zweimal um und kam irgendwann spät abends in Portsmadog an, wo Mel schon auf mich wartete. Wie wir uns im Vorhandy-Zeitalter verabredet und gefunden habe ist mir heute ein Rätsel, aber es klappte. Wir fuhren mit seinem Auto weiter nach Blaenau Ffestiniog durch eine urige Landschaft mitten im walisischen Herbst. Vermutlich hat es geregnet, im Herbst hat es da immer geregnet. Mel und ich waren sofort ein Herz und eine Seele. Beide mit wildem Haarschopf, beide mit leicht rebellischem Gedankengut, beide mit einer tiefen Liebe für den "kleinen" Fußball und seine Vergangenheit, beide mit großer Neugierde auf die Menschen, die diesen Fußball einst machten und in der Gegenwart machen.

 

Als ich zwei Tage später zurückfuhr nach Bristol hatte ich nicht nur alle Fragen zum walisischen Vereinsfußball beantwortet bekommen, sondern zwei neue Freunde gewonnen. Mel und seine Frau Mary. Selten war ich derart herzlich von mir bislang fremden Menschen willkommen geheißen worden. Dabei lebten die beiden in einem schmalen Häuschen hoch oben über Blaenau Ffestiniog, das man heute vermutlich als "tiny house" für seine effektive Einrichtung feiern würde, das damals aber einfach nur klein und eng war. Schon zu zweit, erst recht mit einem Gast.

 

Mel versprühte eine mitreißende Fröhlichkeit, ich liebte seinen feinen Humor und seinen typisch britischen Sarkasmus, seine feinen Spitzen gegen England, wann immer sich die Gelegenheit bot. Uns verband so viel mehr als nur der Fußball. Uns verband das Leben und die Liebe zum Leben. Wir besuchten uns gegenseitig, vertieften unsere Freundschaft. Irgendwann nannte er mich "my brother". Das rührte mich sehr. Durch Mel und Mary lernte ich den Norden von Wales erst kennen und dann lieben, versuchte mich bei jedem Besuch aufs Neue an den wichtigsten Wörtern auf walisisch und vergaß die richtige Aussprache doch immer gleich, sobald ich wieder in England oder Deutschland war. Wenn wir zum Fußball gingen, und das war dann in Orten wie Portsmadog, Aberystwyth oder Bangor, sprach Mel walisisch mit den Einheimischen. Ich freute mich, wenn sie über meinen Akzent lachten, sobald ich den Mund aufmachte und Englisch sprach. So ein Akzent mag ärgerlich sei, er ist unglaublich hilfreich, wenn man in Kontakt kommen möchte.

 

Wenn ich von Deutschland aus nach Bristol reiste, um die Rovers spielen zu sehen, plante ich stets einen Besuch in Snowdonia ein. Einmal fuhr ich nach einem Besuch bei Mel und Mary mit dem Bus weiter nach Swansea, wo die Rovers spielten. Mel lachte und meinte, ich solle besser eine Übernachtung einplanen, die Strecke sei zwar kurz, aber die Straßen im Westen von Wales schmal und das Busnetz dünn. Das war sein Land, seine Heimat, seine Liebe. Als Wales 2016 die EM in Frankreich erreichte, glühte er vor Stolz. Ich hängte eine walisische Fahne aus dem Haus. War ein schöner Kontrast zu den schwarz-rot-goldenen Tüchern in der Straße und gab mir die Gelegenheit, mit einer Mannschaft bei einem großen Turnier zu fiebern. Den "großen Fußball" mochten wir beide nicht. Niemand konnte so wunderbar über Manchester United und Liverpool herziehen wie Mel. Selbst wenn auch in Blaenau Ffestiniog die Jugend in deren Trikot herumspazierte. "Support your local football team" verband uns.

 

Als ich 2018 mit dem Rad aufbrach zu meiner "Tour de Britain" lag Blaenau Ffestiniog natürlich auf der Route. Mit dem Fahrrad dorthin zu kommen, jene engen Straßen zu radeln, die mir so vertraut waren, mich den letzten Anstieg zum "Tiny House" hoch oben auf dem Berg hochzuwuchten und Mel und Mary dort schon fröhlich feixend warten zu sehen, machte mir das Herz auf. Es fühlte sich an wie heimkommen. Ich blieb ein paar Tage, lud die körperlichen Akkus auf, genoss das, was Mel immer "Walisischer Sommer" nannte und die so wunderschöne wie verwunschene Landschaft Snowdonias zum Leuchten brachte.

 

Zuletzt sahen wir uns im April 2022. Die Rovers spielten bei den Tranmere Rovers. Eine perfekte Gelegenheit, vorher in Snowdonia vorbeizuschauen. Mel ging es nicht gut. Die Corona-Pandemie und der brutale Umgang der Politik mit den Menschen im Königreich hatten ihm zugesetzt. Wir lachten wieder viel, doch ich spürte, dass sich etwas geändert hatte. Wir besuchten einen gemeinsamen Freund, der mit Krebs im Endstadium im Sterben lag. Sprachen über den Tod.

 

Mit Mel geht ein Mensch, den ich als einen meiner "rocks" im Leben bezeichnen möchte. Ein Freund, der immer da war, der immer zuhörte, der immer einen lockeren Spruch auf Lager hatte. Der beim Autofahren herrlich fluchte und der sein Leben liebte. Sein Tod macht mich unsagbar traurig. Ich habe einen Bruder verloren.

 

Thank you Mel, thank you for all the memories, all the kindness and love. Big hugs and love xxx Cymerwch ofal!

 

2018 mit dem Fahrrad bei Mel und Mary
2018 mit dem Fahrrad bei Mel und Mary

ENGLISH VERSION

Yesterday I got terrible sad news. Mel Thomas is dead. Mel was not only the archivist of Welsh football, who supplied the national press with everything they needed to know, but above all a dear friend. I guess it was around 1994 when we met for the first time. I was looking for information on Welsh clubs and he invited me to come to his home in Blaenau Ffestiniog, Snowdonia, Wales. On wild and narrow roads I travelled by National Express from Bristol, changed coaches twice and arrived in Portsmadog late at night, where Mel was already waiting. How we arranged and found each other in the pre-mobile phone age is a mystery to me today, but it worked out. We drove up to Blaenau Ffestiniog, passing a rustic landscape in the middle of a Welsh autumn. It was probably raining, it always rains there in autumn. Mel and I were one heart and one soul from the beginning. Both with a wild mop of hair, both with a slightly rebellious mindset, both with a deep love for the "little" football and its past, both with great curiosity about the people who once made this football and are making it in the present.

 

When I drove back to Bristol two days later, I got all my questions about Welsh football answered. Most of all, however, I had new friends in my life. Mel and his wife Mary. Rarely had I received such a warm welcome from people I had never met before. The two of them lived in a small cottage high above Blaenau Ffestiniog, which today would probably be hailed as a "tiny house" for its effective furnishings. Back then it was simply small and cramped. Even with two people, even more so with a guest.

 

Mel had an infectious cheerfulness, I loved his fine sense of humour and his typical British sarcasm, his subtle jibes at England whenever the opportunity arose. We had so much more in common than just football. We were united by life and our love of life. We visited each other and deepened our friendship. At one point he called me "my brother". I was very touched by that. It was through Mel and Mary that I started to know and immediately love the north of Wales. I tried to learn the most important words in Welsh every time I visited, but always forgetting the correct pronunciation as soon as I was back in England or Germany. When we went to the football in places like Portsmadog, Aberystwyth or Bangor Mel spoke Welsh to the locals. I was delighted when they laughed at my accent as soon as I opened my mouth and spoke English. An accent like mine may be annoying, but it comes very handy when you want to get in contact with the people.

 

Whenever I travelled to Bristol from Germany to see the Rovers play, I always planned a visit to Snowdonia. Once I carried on by bus to Swansea for a Rovers match. Mel laughed and said I'd better plan an overnight stay, as the journey itself might be short but the roads in west Wales are narrow and the bus network thin. This was his country, his home, his love. When Wales reached the European Championships in France in 2016, he was glowing with pride. I hung a Welsh flag out of the house. It was a nice contrast to the black-red-gold flags in the street and gave me the opportunity to cheer on a team at a major tournament. We both didn't like 'big football'. No-one could talk about Manchester United and Liverpool like Mel. Even if the youngsters in Blaenau Ffestiniog also walked around in their shirts. "Support your local football team" united us.

 

 

When I set off on my 'Tour de Britain' by bike in 2018, Blaenau Ffestiniog was naturally on the route. Getting there by bike, cycling along the narrow roads that were so familiar to me, making the final hill to the Tiny House high up on the mountain and seeing Mel and Mary happily waiting there opened my heart. It felt like coming home. I stayed for a few days, recharging my physical batteries, enjoying what Mel called the "Welsh summer" and the beautiful and enchanted landscape of Snowdonia in late spring.

 

The last time we saw each other was in April 2022, when Rovers played Tranmere Rovers. A perfect opportunity to visit Snowdonia once again. Mel was not well. The coronavirus pandemic and the brutal treatment of people in the kingdom by politicians had taken their toll on him. We laughed a lot again, but I sensed that something had changed. We visited a mutual friend who was dying of terminal cancer. Talked about death.

 

Mel was a person who I would love to describe as a "rock" in my life. A friend who was always there, who always listened, who always had a light-hearted joke to say. Someone who swore wonderfully while driving and who loved his life. His death makes me unspeakably sad. I have lost a brother.

 

Thank you Mel, thank you for all the memories, all the kindness and love. Big hugs and love xxx. Cymerwch ofal!

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