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Reportagen

Mein erster Stadionbesuch

Wer braucht schon Europapokal

aus dem Sammelband "Mein erster Stadionbesuch" (Hg: Jannis Linkelmann, Heidi Marinowa, Martin Thein, Verlag Die Werkstatt, ISBN: 978-3-89533-895-3)

Wenn es um Fußball ging, konnte mein Vater ausgesprochen cool sein. So wie am 24. Mai 1975, dem Tag unseres Umzugs von Dortmund nach Göttingen. Seit dem frühen Morgen zockelten wir nervtötend langsam durch die Landschaft. Mit einem Möbelwagen kommt man halt nicht so flott voran, zumal mein Vater die eigentümliche Angewohnheit hatte, Autobahnen zu meiden und stattdessen ausnahmslos Landstraßen zu benutzen. Ob das daran lag, dass er zur letzten Kriegsgeneration zählte und Autobahnen unheimlich fand? Keine Ahnung, jedenfalls quälten wir uns in einem muffigen und bis unters Dach vollgepropften 15-Tonner über schmale Landstraßen, passierten Örtchen wie Brilon, Warburg und, jetzt bitte nicht lachen, Erbsen und näherten uns im Schneckentempo Göttingen. Meiner neuen Heimat.

Ich war zwölf und voller trauriger Wut. Ich wollte nicht weg aus Dortmund, von meinen Freunden, von meinem Leben. Vom Mengeder Volksgarten, wo ich mir erste Meriten als Reinkarnation eines bärbeißigen Terriers namens Berti Vogts erworben hatte. Mit meinem fußballerischen Talent war es nicht allzu weit her, doch einen Gegner zudecken und ihn mit wütenden Tritten bearbeiten, sobald er an den Ball kam, das konnte ich.

Doch nun hockte ich auf dieser rumpelnden Dieselschleuder und dachte mit bangem Herzen an mein neues Zuhause. Hinten im Laderaum unser gesamter Hausstand. Auf dem Schoß mein Meerschweinchen Pukki, das mit starren Augen aus seinem Käfig glotzte und an trockenen Grashalmen mümmelte.

Was mich in Göttingen erwarten würde, wusste ich nicht. Vater hatte dort einen neuen Job gefunden. Ich würde eine neue Schule besuchen, neue Freunde finden. Und in der Provinz verdörren. Da war ich mir sicher. Denn, also bitte: Göttingen! Gibt es eine piefigere Kleinstadt für jemanden, der mitten im Ruhrgebiet aufgewachsen ist?

Nur eine Aussicht versetzte mich in Aufregung: Fußball. Fußball würde mich erwarten in Göttingen. Endlich! Ich war Spätstarter. Erst bei der WM 1974 hatte ich entdeckt, dass ich Fußballfan bin. Durch die Holländer, die mit ihren orangefarbenen Klamotten und lauten Gesängen durch die Dortmunder Innenstadt gezogen waren. Während mein Vater eilig vor ihnen geflohen war, blieb ich stehen und staunte. So wollte ich auch sein. Doch wie? Wir wohnten in Mengede. Eine gefühlte Weltreise vom Westfalenstadion entfernt. Zudem war Vater, eigentlich glühender Borusse und 66 beim Europacupsieg live dabei, auf den BVB nicht mehr gut zu sprechen. Der Abstieg aus der Bundesliga hatte ihm das Herz gebrochen. All mein Bitten und Flehen, doch endlich mal zu einem Spiel zu fahren, war an seinem Starrsinn (»Die spielen doch nur noch 2. Liga!«) abgeprallt. Seit fast einem Jahr war ich nun schon Fußballfan, verfolgte jeden Samstag »Sport und Musik« mit Kurt Brumme, doch im Stadion war ich immer noch nicht gewesen.

Und nun Göttingen. Dass meine neue Heimat tiefste Fußballprovinz war, ahnte ich nicht. Wie auch? Immerhin spielte Göttingen 05 wie der BVB in der 2. Bundesliga Nord, fand der Verein im Bergmann-Sammelbilderalbum der Saison 1974/75 statt, horchte ich seit Wochen aufmerksam auf, wenn bei »Sport und Musik« die Zweitligaergebnisse kamen. Göttingen 05 war zwar nur im Mittelfeld der Tabelle angesiedelt, doch ich zuckte jedes Mal zusammen, wenn der Name fiel. Noch in Dortmund knüpfte ich ein emotionales Zweckbündnis mit Göttingen 05. Eine zunächst platonische Fernbeziehung, gespeist aus reiner Vernunft. Von wegen Nick Hornby und »wir suchen uns unsere Vereine nicht aus«. Ich suchte mir meinen Verein im vollem Bewusstsein aus! Denn seit ich wusste, dass wir nach Göttingen ziehen werden, war 05 mein Lieblingsverein. Ohne das Team jemals gesehen zu haben. Ohne auch nur eine Ahnung zu haben, wie es in Göttingen aussieht. Einfach aus der Verlockung heraus, dass mein Vater mir nach unserem Umzug nach Göttingen endlich den ersten Stadionbesuch versprochen hatte. Was ich über Göttingen 05 wusste, stand im Bergmann-Sammelbilderalbum. Gelbe Trikots, schwarze Hosen. Wie Vaters BVB. Das fand ich einen guten Start. Auf dem Teamfoto sah ich mutige, entschlossene Männer. Mein Team!

In der Schule in Deininghausen kannte niemand Göttingen 05. Da zählte nur Borussia oder Schalke. Mir war es egal. Mit Vaters Versprechen in der Hand hatte ich sämtliche Spielernamen gelernt, konnte auf dem Mannschaftsbild jeden zuordnen. Den langen Manfred Zindel mit den tollen Freistößen. Lothar Hübner, vordere Reihe ganz links. Der blonde Verteidiger Harald Evers. Helmut Hinberg, der Libero mit dem ernsten Blick. Torhüter Albert Wenzel im grauen Sweater. »Ede« Wolf mit diesen ultracoolen Koteletten. Frank-Michael Schonert, der in der kicker-Torschützenliste ganz oben stand. Mein Team! Mit vollem Herzen stürzte ich mich in etwas, das sich als »amour fou« entpuppen sollte. Aber, bitte: Ich war doch erst zwölf! Was wusste ich schon von tragischer Liebe?

Irgendwann so gegen Mittag erreichten wir unsere neue Heimat. Müde prügelte mein Vater die Gänge in den röhrenden LKW, während wir die letzten Hügel vor Göttingen überkrochen. Pukki hockte noch immer auf meinem Schoß und zuppelte friedlich an ein paar Grashalmen, die ich bei einem Zwischenstopp vom Straßenrand gerupft hatte. Über eine Ausfall-straße röhrten wir in Richtung Stadtzentrum, als an beiden Straßenrändern immer mehr wild auf den Grünstreifen abgestellte Autos auftauchten. Menschen mit schwarz-gelben Fahnen und Schals eilten zu einer abgesperrten Straße, die schon voller Menschen war. »Junge«, meinte mein Vater und bremste den 15-Tonner ab, »Junge, hier ist heute ein Spiel!« Vor Aufregung wurden meine Augen groß. »Halten wir an?«, fragte ich mit hoffnungsvollem Timbre. Vater guckte kurz rüber, grinste und meinte: »Klar halten wir an. Komm Junge, wir gehen zum Fußball!«

Wenn es um Fußball ging, konnte mein Vater eben ausgesprochen cool sein.

Einen Parkplatz für den 15-Tonner zu finden, war nicht einfach. Und dass wir unseren gesamten Hausstand, all unseren Besitz, und auch Pukki, unbewacht stehen lassen mussten, auch nicht. Zumindest nicht für meinen Vater. Mir hingegen war das ziemlich egal. Aufgeregt hüpfte ich vom Führerhaus, drängte zur Eile, fürchtete, keinen Platz mehr im Stadion zu finden. Überall waren doch so viele Menschen!

Die Sichtweise eines Zwölfjährigen ist noch unfertig. Mein größtes Erlebnis war bis dahin ein Konzert von The Sweet in der Dortmunder Westfalenhalle gewesen. In der kleinen wohlgemerkt; also der Westfalenhalle II. Das war meine einzige Orientierungshilfe für »Masse«. Und hier liefen mindestens genau so viele Menschen herum. Davon war ich zumindest überzeugt. Vor dem Stadion sogar lange Schlangen. Aufgeregt trieb ich meinen Vater zur Eile, fürchtete ein ausverkauftes Stadion. Und war plötzlich abgelenkt, als ich neben den Kassen einen fahrbaren Fanstand entdeckte. Oben drauf schwarz-gelbe Fahnen mit dem Wappen von Göttingen 05. Sieben Mark waren dafür fällig. Mein Vater hatte keine Chance. Aufgeregt schwenkte ich meine neue Fahne, als wir auf die Gegengerade marschierten.

Das Jahnstadion war anno 1975 wahrlich keine Schönheit. Keine Überdachung, durch die Leichtathletikanlagen sehr weitläufig. Die Gegengerade so flach, dass man selbst von ganz oben durch den Gitterzaun gucken musste. Ein rumpeliges, notdürftiges Zweitligastadion ohne jegliche Atmos-phäre. Für mich der Himmel auf Erden. Meine neue Heimat. Dass es nur spärlich gefüllt war, entging meinen liebesblinden Augen. Vielleicht 2.000 waren es, die gekommen waren. Platz war für 24.000. Ob es am Gegner lag? Die Spielvereinigung Erkenschwick stand ein paar Spieltage vor Saisonende wie 05 in der Tabelle jenseits von Gut und Böse. Und repräsentierte zumindest in Göttingen eine dieser »grauen Mäuse«, die es damals in der 2. Bundesliga Nord zuhauf gab.

Vater hatte einen Vorteil gegenüber vielen der Stadionbesucher. Denn er wusste, wo Erkenschwick ist! Wir hatten ja in Mengede gewohnt, und von dort ist es nur ein Katzensprung nach Oer-Erkenschwick. Für einen Göttinger aber klang Erkenschwick exotisch unbekannt. Ich war stolz, als Vater unseren Nachbarn auf den Stehrängen verriet, dass er schon einmal dort gewesen sei und dass es bei Recklinghausen läge. Irgendwie waren Vater und ich damit so etwas wie Weltbürger in der Provinz.

Dann kamen die Teams und Dauerregen setzte ein. Ein trister, zutiefst unspektakulärer Frühsommertag. Nicht für mich. Die gelben Shirts der 05er kamen mir vor wie die Sonne, und »meine« Mannschaft endlich spielen zu sehen fühlte sich an, als sei ich an einem langersehnten Ziel angekommen. Unermüdlich schwenkte ich meine Fahne, die vom Regen klatschnass war und Vater immer wieder Wassertropfen zuschleuderte. Das Spiel erschloss sich mir nur bedingt. Im Grunde genommen hatte ich keine Ahnung davon. Fußball gesehen hatte ich bislang nur bei der WM ’74 im Fernsehen. Und natürlich kannte ich die Sportschau. Live im Stadion aber war das alles viel aufregender. Da fühlte ich mich als Teil einer wogenden Masse. Auch wenn das Stadion tatsächlich ziemlich leer war. Auch wenn das Spiel grottenschlecht und unsagbar langweilig war. Halbzeit 0:0. Nach 64 Minuten brachte »Patsche« Hansing 05 in Führung. Eine Viertelstunde später der Ausgleich für Erkenschwick. 1:1. Dabei blieb es. Im strömenden Regen des Göttinger Jahnstadions.

Mein erstes Spiel muss, nüchtern betrachtet, eine ziemlich abschreckende Erfahrung gewesen sein.

Später, als ich allmählich begriff, welch folgenschwere Entscheidung ich bei der Wahl meines Lieblingsvereins getroffen hatte, musste ich immer wieder an diesen Regen zurückdenken. Wie ich klitschnass meine ebenso klitschnasse Fahne schwenke. Glückselig und resistent gegen Niederschlag, Tristesse, leere Ränge. Heute schmunzle ich gern mal über meine eigene Fansozialisierung. Immerhin komme ich aus Dortmund, wuchs im Spannungsfeld von BVB und S04 mit dem Fußball auf. Ich könnte also BVB-Fan sein, ich könnte Schalker sein, auch wenn mein Vater das als Borusse vermutlich nicht geduldet hätte. Stattdessen wurde ich 05er. Und ließ 32 Jahre später im Mai 2012 eine 1:2-Heimniederlage in der fünften Liga gegen den VSK Osterholz-Scharmbeck über mich ergehen, während der BVB in der Bundesliga mal wieder Deutscher Meister wurde. Umgeben von Göttingern, die den BVB als ihren Lieblingsklub bezeichneten und sich über die Meisterschaft freuten. Während ich als gebürtiger und auch noch immer leidenschaftlicher Dortmunder dem Titelgewinn mit zwar schwarz-gelbem, aber eben 05er-Herzen, gleichgültig gegenüberstand und an der peinlichen Pleite gegen Osterholz-Scharmbeck nagte.

Mal ehrlich: Irgendetwas muss da doch schiefgelaufen sein?

Doch derart vorbehaltlos, wie ich Göttingen 05 bei meinem ersten Stadionbesuch begegnete, war die Sachlage eigentlich klar. 05 konnte tun, was es wollte, ich wäre geblieben. Das karge 1:1, die von meinem Vater als »grausam« definierte Leistung, das leere Stadion, der überschaubare Fanblock neben dem alten hölzernen Ansagehäuschen auf der Hauptgeraden, der Regen, dem wir ungeschützt ausgesetzt waren – nichts konnte meine glühende Zuneigung zu Göttingen 05 bremsen. Und schon gar nicht der BVB, denn der war für mich ja nicht erreichbar. Zu 05 hingegen konnte ich fortan alle zwei Wochen gehen. Und wie geht Liebe, wenn man sich nicht ständig sehen kann? Fernsehfußballfan hätte ich nie werden können.

Nach dem Schlusspfiff schlurften wir klatschnass zu unserem 15-Tonner zurück. Rumpelten hinauf nach Geismar, in unsere neue Wohnung. Wie die Möbel ins Haus kamen, weiß ich nicht mehr. Wie wir den ersten Abend in der neuen Wohnung verbrachten auch nicht. Aber ich weiß noch, wie ich meine schwarz-gelbe Fahne stolz in mein neues Zimmer trug und die Wände nach dem besten Platz absuchte. Fortan war ich 05er. Zur neuen Saison gründete ich mutig einen Fanklub, nachdem sich eine Klassenkameradin ebenfalls als 05-Fan geoutet hatte. Zum Einstand der »Schwarz-Gelben Löwen« gab es ein 3:0 gegen Tennis Borussia, und dass 05 in derselben Saison auch den BVB mit 3:0 abfertigte, sorgte für schlechte Laune bei meinem Vater, die ich insofern zu meinen Gunsten nutzte, als ich ihm kommentarlos ein BVB-Fähnchen mitsamt einer Schachtel Streichhölzer auf den Küchentisch legte.

Wie jeder Fan (außer denen der Bayern) habe ich meine Wahl seitdem zigtausendfach bereut und mich hundertmillionenfach darüber gefreut. Natürlich hätte ich mit dem BVB oder Schalke viele große Erfolge feiern können. Stattdessen musste ich 2003 die Auflösung meines Klubs miterleben, beim Neustart in der achten Liga selbst mit Hand anlegen. Als Borusse oder Königsblauer würde ich zu Europapokalspielen fliegen, meine Mannschaft im Fernsehen sehen, überall Fans meines Klub begegnen. Mit 05 war ich schon in Käffern wie Landolfshausen, Ihrhove und Hillerse, freue mich über gelegentliche halbseitige Spielberichte im hiesigen Provinzblatt und ernte regelmäßig mitleidige Blicke, wenn ich von meinem Lieblingsverein erzähle.

05-Fan geworden zu sein war eben die beste Entscheidung meines Lebens. Danke Papa, dass du damals so cool warst und angehalten hast!

 

Das letzte Abenteuer

Fußball in Wales (11 Freunde)

Der Raum ist kaum acht Quadratmeter groß. An den Wänden türmen sich Bücher, am Kopfende kämpft ein schmaler Schreibtisch gegen seinen Untergang im Papierberg. Das Faxgerät spuckt unentwegt Informationen aus, das Telefon klingelt mit unablässiger Penetranz.

Es ist Samstag Nachmittag. Ein gewöhnlicher Spieltag der „Welsh Premier“, der höchsten Fußballspielklasse in Wales. Und ein gewöhnlicher Samstag für Mel ap Ior Thomas, der Schaltstelle des wohl letzten Abenteuers im mitteleuropäischen Erstligafußball.

In seinem kleinen Büro hoch über der alten Schieferstadt Blaenau Ffestiniog laufen Wochenende für Wochenende sämtliche Fußballdrähte des Landes zusammen. Thomas sammelt Torschützen und Aufstellungen, verzeichnet die Zuschauerzahlen, pflegt die ligaeigene Datenbank und beliefert die Presse mit einem wöchentlichen Newsletter.

Sein bescheidenes Büro, versteckt im Anbau des über 200 Jahre alten gemütlichen Privathauses, spiegelt die Entwicklung, die Wales höchste Spielklasse rund 14 Jahre nach ihrer Gründung aufweist, allerdings nur unzureichend wieder. Was 1992 unter dem Namen „Konica League“ begann und seinerzeit abfällig „Komical League“ getauft wurde, hat sich inzwischen zu einem erfolgreichen Kleinunternehmen gemausert.

2005 erfuhr Wales seine bislang erfolgreichste Saison im Europapokal und brachte mit Rhyl und Carmarthen gleich zwei Klubs in die zweite Runde des UEFA-Cups. Zugleich ist Wales jedoch eines der letzten „Entwicklungsländer“ im europäischen Spitzenfußball und die Rettung für alle reiselustigen Fußballfans, denen der Kitzel in Moldawien oder Weißrussland zu nahe an Furcht angesiedelt ist.

Wales ist ein Land, in dem die Zeit bisweilen stehen geblieben scheint und dennoch der Komfort der westlichen Welt genossen werden kann. Im Fußball bietet es neben abenteuerlichen Vereinsnamen wie Grange Harlequins, Caerws FC, oder Cefn Druids eine Erinnerungsreise in gute alte Tage: Gemütliche Grounds mit reichlich Platz zum Stehen, echtes Bier, gute Burger und Fußball zum Anfassen.

Das gilt selbst für die sportliche Nummer eins des Landes, den FC TNS Llansantffraid – ein Team aus einer 950 Seelen starken Gemeinde zwischen Welshpool und Oswestry unweit der Grenze zu England. Wo sonst Wanderer und Naturverbundene ihr Paradies finden, hat auch Millionär Mike Hallis sein Domizil aufgeschlagen und das Computernetzwerk „Total Netware Solution“ - „TNS“ - aufgebaut. Hallis ist bekennender Fußballfan, dessen Liebe zu Llansantffraid keineswegs Nostalgie ist. Er sieht in dem Klub „the easy way into Europa“. Wales’ Landesmeister darf nämlich an der Qualifikation zur Champions League teilnehmen – eine Chance, die sich auf der britischen Insel normalerweise nur Größen wie Chelsea, Arsenal oder Celtic bietet. Im Sommer 2005 machte Harris Schlagzeilen, als er Champions-League-Gewinner FC Liverpool außer der Reihe ein außerplanmäßiges Ausscheidungsspiel anbot und bei der Auslosung prompt die „Reds“ zog, nachdem diese von der UEFA doch noch die Starterlaubnis erhalten hatten. Liverpools Fans zeigten sich dankbar und plünderten zu Tausenden den bescheidenen TNS-Fanshop, dessen Umsatz Rekordhöhe erreichte.

Die auf den ersten Blick so heile Welt trügt jedoch, denn im englischen Schatten hat man enorme Probleme, ein paar Sonnenstrahlen einzufangen. Das ist im wettergeplagten Wales ohnehin schwierig und erweist sich angesichts der grenznahen Konkurrenz aus Manchester, Liverpool und dem Großraum Birmingham als bisweilen unmöglich. Die englische Premier League saugt nicht nur Zuschauer aus Wales ab, sondern diktiert auch die Schlagzeilen und greift damit tief in die walisische Seele ein. Beinähe täglich gehen Liveübertragungen aus England über den Sender, sind auch in Wales die Pubs gefüllt, wenn Arsenal auf Chelsea trifft.

Während in England die Fußballmillionen sprudeln, kämpfen Wales’ Erstligisten um jeden Penny und sehen sich ungewöhnlichen Schwierigkeiten ausgesetzt. Da ist beispielsweise das Transportproblem. Nur im äußersten Norden sowie im industrialisierten Süden gibt es eine Hand voll Autobahnen. Der Rest des Landes ist lediglich durch kurvenreiche und schmale Landstraßen erschlossen, die dem Reisenden zwar atemberaubende Eindrücke bescheren, es dem Eiligen jedoch schwer macht, von A nach B zu kommen. Klubs, die nahe der englischen Landesgrenze residieren, können das Problem mittels der englischen motorways umfahren, doch den Kickern aus im Westen gelegenen Orten wie Porthmadog, Aberystwyth und Haverfordwest bleibt nur der mühsame und zeitraubende Ritt über Land.

Auch der Zustand vieler Stadien bereitet Sorge. Wo in England inzwischen jeder halbwegs ambitionierte Viertligist in einer modernen Arena kickt, herrscht in den walisischen Grounds noch der Geist der siebziger Jahre. Das wird spätestens dann zum Problem, wenn es um Europapokalspiele geht. Als Carmarthen Town 2005 in UEFA-Cup-Runde 2 auf den FC Kopenhagen traf, schüttelte die UEFA angesichts des vereinseigenen Richmond Park nur den Kopf: 3.000 Plätze, davon lediglich eine Hand voll zum Sitzen, waren den europäischen Fußballwächtern entschieden zu wenig. Die nahegelegene Stadt Swansea bot zwar kulant die Nutzung seines neuerbauten All-seaters an, verlangte dafür aber unverschämte 20.000 Pfund. Die Rettung kam aus der 120 Kilometer entfernten Hauptstadt, wo Cardiff-City-Boß Sam Haman für die Nutzung des Ninian Parks handliche 900 Pfund verlangte und die Partie schließlich vor lediglich 882 Fans auch über die Bühne ging - in Carmarthen wären sicherlich mehrere tausend Zuschauer gekommen.

Vizemeister Rhyl erwarb derweil vor seinem Spiel gegen Norwegens Viking Stavanger kurzerhand 1.000 ausgediente Sitzplatzschalen aus Coventry und peppte sein Belle-Vue-Stadion damit in letzter Sekunde UEFA-gerecht auf. Landesmeister TNS indes musste gar nicht erst über sein Heimstatt nachdenken – angesichts von kaum 2.000 Plätzen im heimischen Treflan-Ground wich man sofort nach Bekanntwerden des Traumloses Liverpool nach Wrexham aus. Wales „Rückständigkeit“ schafft ein für Westeuropa geradezu liebevolles Ambiente. Der Clwb Pêl Droed („Fußball Club“) aus dem Snowdoniastädtchen Porthmadog würde beispielsweise gerne Freitagabends spielen, weil man damit den Liveübertragungen der englischen Premier-League entgehen und auf höhere Zuschauerzahlen hoffen könnte. Doch das geht nicht, denn Freitagabend ist in Porthmadog „bingo-time“. Gegen den britischen Nationalsport hat König Fußball keine Chance - zumal der Fußballklub auch noch Ausrichter ist und sämtliche Funktionäre für die Bingoveranstaltung eingeplant sind. Auf der anderen Seite beschert das wöchentliche Glücksspiel dem Klub allerdings auch eine wetterunabhängige Einnahme, die einen wertvollen Beitrag zur Bewältigung des Ligaspielbetrieb liefert...

Auch das nahe dem englischen Chester gelegene Kleinstädtchen Broughton kann mit einer Kuriosität aufwarten: Die Heimstätte „The Airfield“ des örtlichen Erstligisten „Airbus U.K. Football Club“ verfügt über teleskopische Flutlichtmasten, die je nach Bedarf „eingezogen“ werden können. Grund: Unmittelbar neben dem Spielfeld verläuft die Landebahn des Airbus-Flughafens (in Broughton werden die Flügel des Airbus gefertigt), und wann immer ein Flieger anrauscht, müssen die Leuchtstahler eingefahren werden. Die passenderweise „Wing Makers“ getaufte Heimelf hat sich längst dran gewöhnt – für auswärtige Gäste hingegen ist es immer wieder ein atemberaubendes Schauspiel...

Finanziell ist die offiziell „Vauxhall MasterFit Welsh Premier League“ genannte Spielklasse eine gespaltene Gesellschaft. Einige wenige ambitionierte Vereine stehen der breiten Masse jener Klubs gegenüber, die froh sind, wenn sie die Saison ohne roten Zahlen und auf einem Nichtabstiegsplatz überstehen. Der Zuschauerzuspruch beläuft sich auf rund 300 pro Begegnung. Selbst Spitzenspiele locken kaum vierstellige Kulissen an. In der laufenden Spielzeit 2005/06 steht der Rekord bei 823 Zuschauern, die beim Treffen zwischen TNS und Caerws gezählt wurden. Dem gegenüber stehen überschaubare 60 Tapfere, die bei der Begegnung Port Talbot – Connah’s Quay für einen Minusrekord sorgten. Dass sich der britische TV-Monopolist „Sky“ seit langem weigert, Übertragungen von Spitzenspielen der Welsh Premier zuzustimmen, schmerzt angesichts dieser Zahlen doppelt. Lediglich der Regionalsender S4C darf berichten – allerdings nur in walisischer Sprache, was vor allem im Osten des Landes, wo Walisisch kaum verbreitet ist, viele Interessierte ausschließt.

Profitum ist nahezu unbekannt, denn wer ein wenig talentierter als der Durchschnitt ist, versucht bei einem englischen Klub unterzukommen. Mit Wrexham, Swansea und Cardiff kicken zudem die drei berühmtesten Klubs des Landes in den englischen Profiligen und zeigen keinerlei Interesse an der heimischen Liga: Selbst in Englands vierter Division ist es für sie attraktiver als in der Welsh Premier. Das schafft freilich Raum für ambitionierte Klubs, denen in Wales die eine einzigartige Gelegenheit geboten wird, europäische Fußballluft zu schnuppern. Dennoch sind nicht alle zufrieden mit der Entwicklung der höchsten Landesklasse und es kommen immer wieder Forderungen auf, die führenden Klubs in das unterklassige englische Amateurligasystem zu integrieren. „Rom wurde auch nicht an einem Tag erschaffen“, kommentiert der für die Liga verantwortliche Verbandsfunktionär John Deakin und mahnt Geduld an. „Die Stadien und die Qualität des Spiels haben sich deutlich verbessert. Wir hatten dieses Jahr zwei Klubs in der zweiten Europapokalrunde und das ist etwas, auf das wir aufbauen können. Ich spiele doch lieber im Europapokal gegen Liverpool als in der Amateurliga der North West Counties“.

Dass die Liga seit ihrer Gründung im Jahre 1992 an Attraktivität zugelegt hat, belegt mit Barry Town ausgerechnet ein Klub, der bis 1993 im englischen Amateursystem mitspielte und nach seinem Wechsel in die Welsh Premier als erster Klub zum Profifußball konvertierte. Klubboss Neil O’Halloran wurde reich belohnt für seinen Mut und durfte zwischen 1996 und 2002 alljährlich die Landesmeisterschaft bejubeln, während es im Europapokal zu beachtlichen Erfolgen wie einem 3:1 gegen den FC Porto (2001) und einem 3:3 gegen Aberdeen (1996) reichte. 2004 gingen bei den Cardiffer Vorstädtern jedoch finanziell die Lichter aus und sie verschwanden in Liga 2. Als sich der neue Klubboss Stuart Lovering weigerte, Miete für den Jenner Park zu zahlen und das Team statt dessen im 22 Meilen entfernten Treforest auflaufen lief, platzte den Fans der Kragen. Nach dem Vorbild Wimbledon gründeten sie den Barry FC, der 2005/06 unter beachtlichem öffentlichen Interesse zu einem Neustart in der untersten Spielklasse antrat.

Barrys Rolle als „walisischer Profifußballmotor“ übernahm erwähnter FC TNS Llansantffraid, der 2005 nach drei Vizemeisterschaft in Folge erstmals Landesmeister wurde. Die Zukunft des neuen Hoffnungsträgers scheint gesichert. Zwar verkaufte TNS-Boß Mike Harris sein Unternehmen kürzlich an die British Telecom, doch abgesehen von einer Namensänderung wird dies für die Grün-Weißen keine Folgen haben, da Harris die Führung über den Verein behält. Gegenwärtig plant er sogar den Bau eines neuen Stadions, in dem dann auch im Europapokal endlich „Heimspiele“ bestritten werden können. Für die lediglich nach Feierabend trainierende Konkurrenz ist das weitestgehend aus englischen Ex-Profis bestehende und täglich auf dem Trainingsplatz anzutreffende Team um den Caymanischen Nationalspieler Jamie Wood sowohl physisch als auch psychisch inzwischen turmhoch überlegen. Der Jubel ist dementsprechend groß, wenn es mal zu einem Unentschieden gegen „The Saints“ langt...

Ein möglicher Herausforderer könnte der Fußballklub aus dem südwalisischen Llanelli werden. Der Verein wurde 2005 an das Finanzberatungsunternehmen „Jesco“ verkauft, das ebenfalls auf Profitum setzt. Man übergab dem spanischen Ex-Profi Lucas Cazorla Luque die Führung und heuerte vier von dessen Landsleuten an, die sich seitdem tapfer gegen die walisischen Wetter-Unbillen stemmen und ihren Klub zur Vizemeisterschaft (und in den UEFA-Cup) schossen. Kürzlich wurde ein weiterer Sponsorendeal mit der Brauerei Carlsberg abgeschlossen, und obwohl die 75.000-Einwohner-Gemeinde eine der standfestesten Rugbyhochburgen des Landes darstellt, verdreifachten sich die Zuschauerzahlen im Stebonheath Park – von knapp 160 im Schnitt auf rund 500...

Ein Problem, das alle Vereine betrifft, ist das Wetter, das in Wales niemals vorhersagbar ist. Die regelmäßigen Niederschläge schrauben nicht nur die Kosten für die Instandhaltung der Spielfelder enorm in die Höhe sondern wirken sich auch auf die Zuschauerzahlen aus. Wer stellt sich schon gerne bei kräftigem Westwind in strömenden Regen, wenn er zeitgleich gemütlich bei einem Pint Spitzenfußball im Fernsehen verfolgen kann? Aber auch da scheinen Lösungen in Sicht. Während sich die Klubs um eine Verbesserung der Infrastruktur in den Stadien kümmern, entwickelt man an der Universität von Aberyswtyh gegenwärtig einen Rasen, der speziell auf walisische Wetterverhältnisse zugeschnitten ist. Kein Zweifel: Es wird weiter aufwärts gehen mit dem Spitzenfußball in Wales!

Hier eine kleine Auswahl jüngerer Reportagen.

Wimbledons Rückkehr in die Football League (2011)

Deutscher Klub in Belgiens 1. Liga (2010)

Aufstieg Arles-Avignon in Frankreichs 1. Ligas (2010)

Olympique Marseille vor dem Titelgewinn (2010)

En Avant Guingamp in der Europa League (2009)
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Frankreichs heimliches Fußballherz

Die Bretagne (11 Freunde)

Dahinter kommt nichts mehr. ´“Finistère » - « Finis Terre ». Davor liegt ein raues Land. Wettergegerbt, mythenumrankt, voll rauer Schönheiten: Die Bretagne. Manchmal scheint die Welt hier tatsächlich zu Ende zu sein, schlendert das Leben mit seltener Gemütlichkeit dahin. Autobahnen gibt es nicht, und wer von Nord nach Süd will, muss sich mühsam den Weg durch atemberaubende Landschaften bahnen, die von mächtigen Megalithen gesäumt sind. Das keltische Erbe der Bretagne ist aber nicht nur steinern, sondern lebt bis in die Gegenwart. „Radio France Bretagne“ dudelt unablässig bretonische Popsongs, Teile der Region sind zweisprachig ausgeschildert und überall flattert die bretonische Flagge „Gwen ha Du“.

Am Wochenende verwandelt sich die ganze Bretagne. Dann werden überall die Fußbälle aus den Schuppen gerollt und selbst auf noch so schmalen Dorfplätzchen um Punkte gerungen. Nirgendwo sonst in Frankreich ist Fußball derart flächendeckend verbreitet. Es gibt zwei Zeitungen, die sich ausschließlich mit dem Fußball der Region beschäftigen („Bretagne Foot“ für den Amateur-, „Breizh Football Pro“ für den Profifußball), die Dorfschenken heißen hier „Bar des Sports“ und an Derbytagen kann die Zuschauerzahl selbst im Amateurlager schon mal die 2.000er Marke überschreiten.

Die Bretagne ist Frankreichs heimliches Fußballherz. Mit drei Erst- und zwei Zweitligisten stellt der äußerste Nordwesten Frankreichs zudem so viele Profiklubs wie keine andere Region im Lande – allenfalls das Industriequartier Nord-Pas-de-Calais vermag da etwas mitzuhalten. Während es in Lens, Lille und Valenciennes jedoch die recht junge Industriekultur ist, die das Fußballfieber befeuert, speisen sich die Fußballwurzeln der Bretagne aus dem uralten Keltentum. Schon im 12. Jahrhundert wurde zwischen Rennes und Brest ein Spiel namens „Seault“ betrieben, das übersetzt „Sonne“ heißt und bei dem es unangenehm brutal zuging. Heute erinnert vieles an britische Fußballkultur, zumal der Landstrich auch klimatisch dem im Französischen „Grande-Bretagne“ genannten Nachbarn ähnelt und damit eine Sonderrolle im sonnenfixierten Frankreich spielt.

Das berühmte „savoir vivre“ fällt in der Bretagne ein wenig aus dem Rahmen, denn statt „bon vivant“ ist der Bretone eine Mischung aus Bauer und Seemann. Bernard Hinault, bretonische Radsportlegende, lässt Journalisten gerne mal auf seinen Hof in der Nähe von Saint Brieuc kommen und sich dann stolz in Gummistiefel und mit Mistforke ablichten. Hinault ist so etwas wie der Vorzeigebretone: Bodenständig, mit klarem Blick für die Realität und ohne Respekt vor den Naturgewalten, die das Land am Meer im Winter wie im Sommer heimzusuchen vermögen. Innig geliebtes Symbol ist die Flagge „Gwen ha Du“, („Schwarz und Weiß“), die zur Standardausrüstung jedes bretonischen Haushalts gehört. Die meisten Bretonen sind zwar damit einverstanden, Franzosen zu sein, ihren Stolz jedoch reservieren sie für die Bretagne. In diesem Sinne steht das schwarz-weiß gestreifte Flaggentuch als gewollter Kontrast zur Tricolore, die in der Bretagne ohnehin mit Eroberung und Unterdrückung verbunden wird. Als die Tageszeitung „Le Télégramme“ ihre Leser vor einiger Zeit fragte, ob sie sich „zur Bretagne oder zu Frankreich gehörig fühlen“, antworteten 42% mit „Bretagne“ - und nur 26% mit „Frankreich“...

Auch im Fußball lebt die bretonische Kultur. Vorzeigeklub ist Stade Rennes. „Die Wurzeln des bretonischen Profifußballs liegen in Rennes“, weiß die 87-jährige Fußball-Legende Jean Prouff zu berichten. Prouff hat jahrzehntelang als eisenharter Verteidiger und gestrenger Trainer dazu beigetragen, dass aus einem bescheidenen Universitätsklub eine der spielstärksten Mannschaften Frankreichs wurde. Neben Regionalbewusstsein half eine für den Landstrich typische Toleranz. Tschechen, Ungarn, deutsche Juden – bei Stade Rennes war jeder willkommen. Einer der frühen lokalen Fußballstars war der aus dem deutschen Neuwied stammende Walter Kaiser, mit dem Stade Rennes 1932 als einziger Klub der Bretagne zu den Gründungsmitgliedern der französischen Profiliga zählte. Die „Rouge et Noir“ spielten seinerzeit eine schwer auszurechnende Kombination aus bretonischem Kraft- und mitteleuropäischem Kombinationsfußball, der sie 1935 bis ins Pokalfinale brachte. Vollends zum Mythos wurde Stade Rennes in den 1960er Jahren, als man unter erwähntem Jean Prouff ein offensives 4-2-4 pflegte und damit einen Gegenpol zum aus Italien herübergeschwappten ultradefensiven „catenaccio“ setzte. Während sich das Team 1965 und 1971 jeweils den Landespokal sicherte, wurden im Stadion an der „Route de Lorient“ bretonische Volksfeste gefeiert. Viele Fans erschienen in traditionellen Kostümen, sangen bretonische Lieder und schwenkten die Flagge „Gwen ha Du“. Bis heute ist Rennes stolz auf seine bretonischen Wurzeln. Das Vereinslogo bilden zwei Hermeline (bretonisches Wappentier), die Klubhymne „Keltia“ stammt von der bretonischen Rockband „EV“ und auf den Rängen verbreiten „Les Breizh Stourmers“ keltische Stimmung. In sportlicher Hinsicht steht der Verein für vorzügliche Nachwuchsarbeit. Rennes’ Jugendschule wurde 2006 als beste Frankreichs ausgezeichnet, was das Fachblatt „France Football“ als „die Früchte jahrelanger Arbeit und einer klaren Regionalpolitik“ bezeichnete.

Als natürlichen Feind betrachtet man in Rennes den FC Nantes, der die Rennais in den späten 1960er Jahren als Nummer eins der Bretagne ablöste. Offiziell dürfte Nantes allerdings gar nicht zur Bretagne gezählt werden, denn die alte Kapitale der Bretagne wurde 1941 in einer kommunalpolitischen Freveltat der Region „Pays de la Loire“ zugeschlagen. In Wirklichkeit interessiert das jedoch niemanden, und Nantes präsentiert sich als moderne Stadt, durch deren Gassen reichlich bretonisches Flair wabert. Auf der anderen Seite fühlt sich die Stadt aber zu jung, um dem mitunter etwas düsteren Bretonischen nachzuhängen. So sind denn auch auf den Rängen des Stade de la Beaujoire nur vereinzelte „Gwen ha Du“ zu finden und es dominiert das wellenförmige Vereinswappen, das schwungvolle Moderne repräsentieren soll. 1965 errangen „Les Canaries“ („die Kanarienvögel“) unter dem baskischen Trainer José Arribas als erster bretonischer Klub die französische Landesmeisterschaft, der bis 2001 sechs weitere folgten. Auch Nantes hat einen vorzüglichen Ruf als Nachwuchsquelle – Männer wie Didier Deschamps, Marcel Desailly und Patrick Loko lernten im berühmten Jugendzentrum La Jonelière das kleine Fußball-1x1. Seit dem Verkauf an den Industriellen Dassault ist der bretonische Fixstern allerdings ein wenig ins Trudeln geraten, und gegenwärtig droht der erste Abstieg seit 43 Jahren.

Abstieg ist ein Schicksal mit dem man sich in Guingamp gut auskennt. Die gemütliche Provinzstadt im nordbretonischen Departement Côtes d’Armor ist so etwas wie das „letzte gallische Dorf“. Kaum 8.000 Einwohner zählend, bietet das lokale Stade du Roudourou mehr als 18.000 Menschen Platz – und war in der Vergangenheit schon mehrfach bis auf den letzten Platz gefüllt. Guingamp ist ein herrliches Beispiel, wie der Fußball eine verschlafene Region in einen brodelnden Kessel verwandeln kann. Jahrzehntelang als „Pokalschreck“ gefürchtet gelang „En Avant“ („Vorwärts“) 1995 einigermaßen überraschend der Durchmarsch von der dritten bis in die erste Liga, wo man prompt bis in den UEFA-Cup stürmte und sich plötzlich Inter Mailand gegenübersah. Erfolgsrezept war eine Besinnung auf bretonische Wurzeln, denn große Teile des Erfolgskaders stammten aus der Region – darunter Stéphane Guivarc’h, der 1998 mit Frankreich Weltmeister wurde und aus Concarneau stammt, Stéphane Carnot aus dem Dörfchen Saint Yvy unweit von Quimper, Lionel Rouxel aus dem benachbarten Dinan sowie Publikumsliebling Claude „Coco“ Michel aus Rostrenen bei Carhaix. Im Vereinslogo ist das uralte keltische Symbol „Triskel“ zu sehen, auf den Rängen wird die bretonische Hymne „Bro gozh ma zadoù“ intoniert und mit seinem keltischen Gustus erreicht der Verein im traditionsverbundenen und überwiegend bretonischsprachigen Norden auch die Nichtfußballfans. Seinen Zenit erklomm En Avant im Spieljahr 2002/03, als Didier Drogba und Florent Malouda den Angriff bildeten und man in einer atemberaubenden Rückserie nur haarscharf erneut den Sprung in den UEFA-Cup verpasste. Anschließend kaufte die finanzkräftigere Konkurrenz das Erfolgsteam auf (Drogba zu Marseille, Malouda nach Lyon), und für Guingamp ging es zurück in die 2. Liga, wo man seitdem um Fassung ringt. Die Ausstrahlung ist freilich ungebrochen – 2005/06 strömten pro Zweitligaheimspiel durchschnittlich 9.347 Zuschauer in die 8.000-Einwohner-Gemeinde. In Guingamp vertraut man auf Kontinuität und Bodenständigkeit. Vorsitzender ist seit vielen Jahren Bürgermeister Noël Le Graët, lange Zeit Chef des französischen Ligaverbandes „LFP“ und heute Vizepräsident des französischen Nationalverbandes. Hauptsponsoren sind die regionale Fluggesellschaft „Brit Air“ und die lokale Käserei „Rippoz“, die ganz Europa mit Raclette versorgt. Die Fußballerfolge der letzten Jahrzehnte haben die Kleinstadt verändert, denn normalerweise passiert in Guingamp nicht viel. Das schicke Leben spielt sich in der benachbarten Lust-Kapitale Saint Brieuc ab, und wer abends über den Place du Centre marschiert, trifft nur selten andere Passanten. En Avant hat dem Örtchen Leben eingehaucht und seinen Bewohnern Grund geschenkt, stolz auf sich und ihre Region zu sein. Über den Fußball konnte sich das kleine Provinznest plötzlich mit den Metropolen messen, und wenn En Avant in Marseille oder Lyon auflief, hingen in der gesamten Nordbretagne schwarz-rote Vereinsfahnen aus den Fenstern während die mitgereisten Fans stolz verkünden: „Les paysans sont deja là!“ („Die Bauern sind schon da!“). Guingamps Publikum wurde in der Vergangenheit mehrfach als „bestes“ im Lande ausgezeichnet, weil es im Stade du Roudourou stets fair und respektvoll zugeht.

In Brest betrachtete man die Erfolge der Guingampais lange mit Skepsis und unverhohlener Abneigung. In den 1980er Jahren war die Marinestadt im westlichen Département „Finistère“ selbst drauf und dran, sich in eine Fußballhochburg zu verwandeln. Federführend war Präsident François Yvinec, der sich als Großbäcker eine goldene Nase verdient hatte. Zunächst klappte alles prima, denn die u.a. mit den WM-Teilnehmern Julio Cesar (Brasilien) und Sergio Goycoechea (Argentinien) verstärkte Elf um das lokale Ausnahmetalent Paul Le Guen etablierte sich prima in der höchsten Spielklasse. Auch in Brest legte man Wert auf seine bretonischen Wurzeln. Aus Stade Brest wurde „Brest Armorique“ (nach „Armorika“, der keltischen Bezeichnung für die Bretagne), während die Besucherzahlen im Stade Francis Le Blé für französische Verhältnisse exorbitant hoch ausfielen. Doch der Erfolg war auf Pump gebaut. Im Dezember 1991 kam es zum Finanzcrash, und der eilig gegründete Nachfolgeverein Stade Brestois musste von ganz unten beginnen. Dass dabei ausgerechnet Guingamps Präsident Le Graët als Vorsitzender des Ligaverbandes eine Schlüsselrolle einnahm, schuf in Brest tiefe Abneigung gegenüber dem aufstrebenden Provinzklub. Als Stade Brest 2004 in die 2. Liga zurückkehrte, herrschte bei den Derbys prompt ein normalerweise bei einem Fußballspiel in der Bretagne eher seltener Ausnahmezustand. In Brest träumt man derzeit von der Rückkehr ins Oberhaus, wofür die 155.000-Einwohnerstadt abgesehen vom baufälligen Stadion auch bestens präpariert wäre. Das keltische Erbe wird noch immer gepflegt: Im Vereinslogo prangen vier Hermeline, auf den Rängen sorgen „les Celtics Ultras“ für Stimmung und die „Gwen ha Du“ flattert reichlich im immerwährenden westbretonischen Wind.

Als jährlicher Schauplatz des Kulturfestival „Interceltique“, bei dem Künstler aus dem gesamten keltischen Raum zusammenkommen, wäre auch das am Golf von Morbihan gelegene Hafenstädtchen Lorient wie geschaffen für eine bretonische Fußballhochburg. Doch beim 2006 zum dritten Mal in die 1. Liga aufgestiegenen FC Lorient dominiert eher Hafen- und Seefahrromantik. Man nennt sich „Les Merlus“ („Die Seehechte“) und durch das Stade du Moustoir wummern am Spieltag Stücke der lokalen Kultband „Soldat Louis“, die mit rockiger Seemannsmusik („Salut, bienvenue à bord“) daherkommt. Lorients sportlicher Erfolg indes ist durch und durch „bretonisch“: Erfolgstrainer Christian Gourcuff stammt aus dem Finistère-Örtchen Hanvec und hat die Südbretonen mit einem Mini-Budget (derzeit 20 Mio. Euro) in die 1. Liga geführt.

Eine schlafende Fußballhochburg ist Quimper. Einst gefürchteter Pokalschreck musste der Klub 1997 Konkurs anmelden und dümpelt seitdem im unterklassigen Amateurfußball. Nach Ansicht von Experten ist es jedoch nur eine Frage der Zeit, wann „Stade Q“ in den Profifußball zurückkehrt. Ähnlich wie der Großraum Guingamp ist Quimper eine Hochburg der bretonischen Kultur und hat damit das Potenzial zu einem regionalen Aushängeschild.

Die Stärke des bretonischen Fußballs ist seine enorme geographische Verbreitung und seine tiefe emotionale Verankerung. Selbst kleinste Dörfer haben bis heute funktionierende Fußballvereine und durchsieben die Region unablässig nach Talenten. Mit 17 auf nationaler Ebene (erste bis fünfte Liga) spielenden Teams kommt die Bretagne auf genauso viele Mannschaften wie der Großraum Paris – speist diese aber mit nur einem Drittel der Einwohnerschaft. Rund 180.000 der etwa drei Mio. Bretonen sind registrierte Fußballer, während der Großraum Paris bei 11 Mio. Einwohnern auf lediglich 200.000 aktive Kicker kommt. In jüngster Zeit etablierte sich die Region zusehends als Schulungszentrum für afrikanische Talente. Das ist insofern bemerkenswert, als recht wenige Afrikaner in der Bretagne leben, was neben dem chronischen Arbeitsplatzmangel wohl auch dem wechselhaften Wetter zuzuschreiben ist. Spieler mit afrikanisch-karibischen Hintergründen wie Desailly, Loko, Makelele, N’Doram und Wiltord, die allesamt für bretonische Klubs spielten, schwärmten dennoch von der angenehmen Atmosphäre während ihrer Zeit in der Bretagne. Als Region, an der der ganz große internationale Fußball inzwischen vorbeigeht (bretonische Klubs schickten zwar immerhin elf Spieler zur WM 2006, doch nur der dritte französische Torsteher Landreau war auch Bretone) war die Entwicklung zum nationalen Ausbildungszentrum fast zwangsläufig. Die ausländischen Talente kommen kostengünstig in die Region, werden dort fürsorglich aufgebaut und schließlich gewinnbringend verkauft, was entscheidend zur Sicherung des Saisonetats beiträgt. Didier Drogba hatte Guingamp einst 150.000 Euros gekostet und wurde für acht Mio. Euro an Marseille abgegeben.

Pläne einer Abspaltung vom französischen Fußballverband oder einem Beitritt zum „Non-FIFA-Board“ gibt es übrigens nicht. Die 1997 gegründete Bretonische Football-Association (BFA) versteht sich als reiner Spielerverband, der vor allem die individuelle Förderung seiner 600 Mitglieder zum Ziel hat. Nach Aussage von BFA-Generalsekretär Fañch Gaume will man in der Zukunft allerdings verstärkt Freundschaftsspiele einer bretonischen Auswahl organisieren, um so das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken (1998 trat man bereits gegen WM-Teilnehmer Kamerun an). Für 2007 sind beispielsweise Freundschaftsspiele gegen die Demokratische Republik Kongo (wo BFA-Mitglieder Claude Le Roy Trainer ist) sowie die keltischen Verbände Irland, Schottland und Wales geplant.

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Piraten in Wembley

Unterwegs mit den Bristol Rovers (Nord4)

Vierte Liga ist nicht vierte Liga. Wo hierzulande Spaßbremsen wie die Amateure des VfL Wolfsburg wertvolle Ligaplätze belegen, tobt in anderen Ländern auch auf vierthöchster Ebene noch der große Fußball. Vor allem natürlich in England, der „Mutter“ des Spiels und der Heimat von 92 Profiklubs, die auf vier Divisionen verteilt sind. Allerdings hat der allgegenwärtige Kommerz auch auf der Insel seine Spuren hinterlassen. Die erste Liga heißt nun „Premier League“ und füllt sich als geschlossene Gesellschaft gegenseitig die Taschen. Die 2. Liga nennt sich „Championship“ und ist bestückt mit Klubs, deren einziges Ziel die „Premier League“ ist und die in ihrer Verzweiflung, das gelobte Land zu erreichen, bisweilen ein wenig die finanzielle Orientierung verlieren. 2007 erwischte es mit Leeds United mal wieder einen ganz großen – der Ex-Champions-League Teilnehmer musste in die 3. Liga absteigen, wo er nach gegenwärtigem Stand der Dinge 2007/08 mit zehn Minuspunkten starten muss, weil er in „administration“ ging – hierzulande heißt das „Insolvenz“ und wird leider dem einen oder anderen Leser von seinem eigenen Verein bekannt sein. Die 3. Liga, in die Leeds absteigen wird, heißt übrigens „First Division“ – so viel Verwirrung muss sein.

Kommen wir zur 4. Liga, der untersten Spielklasse der vier Profiligen. Die heißt natürlich nicht vierte Liga sondern „Second Division“ (mit vollem Namen „Coca-Cola Football League Division 2“ und weist so edle Mitglieder wie Notts County, MK Dons und Ex-Landesmeister Bury FC auf. Unter den 24 Klubs des „lower tier“ mischten bis vor kurzem auch die Bristol Rovers mit, die der Verfasser dieser Zeilen vor ungefähr 15 Jahren zu seinem „britischen Liebling“ erklärte – vermutlich, um den als passionierter Anhänger des inzwischen verblichenen 1. SC Göttingen 05 ohnehin hohen Leidensfaktor noch ein wenig zu steigern.

Nach diversen eher unbefriedigenden Begegnungen dieser mitunter nicht immer komplikationsfreien Fernbeziehung erwischte ich nun im Frühjahr 2007 endlich einmal eine Glücksträhne, die zu einem völlig unerwarteten Highlight führte: Dem Besuch des play-off-Finals zwischen den Bristol Rovers und Shrewsbury Town im frischeröffneten Londoner Wembleystadion. Dass dieser Begegnung exakt 61.847 Zuschauer beiwohnten, Sky Sport live übertrug und nationale Blätter wie „the guardian“ oder „the sun“ ausführlich berichteten, dürfte einen für hiesige Viertliga-Anhänger weiteren schmerzhaften Unterschied aufzeigen. Man stelle sich vor, was wohl im Berliner Olympiastadion los wäre und wie viele Zeilen „Bild“ opfern würde, stünden sich dort zwei deutsche Viertligisten im Kampf um einen Platz in der Regionalliga gegenüber... Nun ist es müßig, die vierte englische Liga mit den deutschen Oberligen zu vergleichen. Da gibt es nichts zu vergleichen. In England herrscht Profium – in Deutschland gibt es allenfalls Vertragsamateure. In England spielen die Viertligisten landesweit – in Deutschland gibt es acht regionale Oberligen. In England treten ausschließlich mitunter sehr ruhmreiche Traditionsklubs an – in Deutschland finden sich vereinzelte Traditionsklubs à la Altona 93 und SV Meppen inmitten von Emporkömmlingen und den unsäglichen zweiten Mannschaften. In England spielt man in imposanten Fußball-Arenen, während Deutschlands Oberliga-Alltag bisweilen fatal an Dorffußball erinnert. Von seiner Atmosphäre und seinem Ambiente ist Englands Viertligafußball folglich eher mit der 2. Bundesliga bzw. der Regionalliga vergleichbar.

Wembley 1

Das gilt auch für die Bristol Rovers, bei denen es sich um ein fußballspielendes Unternehmen mit insgesamt 86 Angestellten (darunter 31 Spieler) handelt. Der Klub ist in Besitz seines eigenen Stadions und registrierte in der Saison 2006/07 beim 1:0 über Boston United die schmalste Saisonkulisse, als 4.327 Zahlende ihren Obolus entrichteten. Dem gegenüber standen rund 10.000 beim Nachbarschafts- und Spitzenspiel gegen Swindon Town. Der Schnitt lag etwa bei 6.500. Auswärts wird der Klub stets von einer etwa 200-köpfigen Hardcorefangruppe begleitet, die bei entsprechender Tabellenkonstellation schon mal auf 2.000 und mehr Mitreisende anschwillt.

Wie viele Teams in der Liga blicken die Rovers auf eine lange Tradition zurück. 1883 als erster Fußballklub in Bristol gegründet, gelten sie als der Arbeiterverein Bristols. Erzrivale Bristol City indes ist im bürgerlichen Milieu angesiedelt. Beide Klubs werden durch den Fluss „Severn“ voneinander getrennt – südlich ist das Bristol „red“ (City), nördlich hingegen „blue“ (Rovers). Obwohl Bristol eine ausgewiesene Fußballhochburg ist, zählt die Stadt in Sachen „großer Fußball“ etwas zu den Underdogs. City spielte vor vielen Jahren ein paar Saisons in der heutigen Premier League, zerbrach aber anschließend an seinen Schulden und stellte mit vier Abstiegen in ebenso vielen Jahren einen Negativrekord auf. Die Rovers hatten ihre besten Jahre in den 1950ern, als man mehrfach ans Tor zur 1. Liga klopfte. Später spielte u. a. WM-1966-Held Allan Ball für den Klub.

Im Vergleich zum städtisch geprägten City sind die Rovers so ein bisschen der „dreckige Underdog“. Das Label des Klubs ist geprägt von seiner Geschichte, die mit der Arbeiterschaft der Stadt verbunden ist. Schon der Begriff Rovers signalisiert das – er steht für „Piraten“, was einerseits die Hafentradition Bristols widerspiegelt, andererseits ein „uns unterdrückt ihr nicht“ symbolisiert.

Drei Dinge zeichnen den Klub seit vielen Jahrzehnten aus: Das einzigartige Trikot aus zwei blauen und zwei weißen Vierecken (Quarters), der Spitzname „the Gas“ und die inoffizielle Vereinshymne „Goodnight Irene“. „The Gas“ war ursprünglich ein Schmähruf gegnerischer Fans und der Tatsache geschuldet, dass sich neben der langjährigen Spielstätte „Eastville Stadium“ die städtischen Gaswerke befanden und es dementsprechend immer ein wenig nach Gas roch. Die Rovers-Fans griffen den vermeintlichen Spottruf auf, füllten ihn mit Stolz und verwandelten ihn in ein Markenzeichen. Seitdem heißt es „Come on you Gas“, wenn das Team aufspielt, nennen sich die Rovers-Fans „Gasheads“. „Goodnight Irene“ indes ist ein uralter Gassenhauer, der aus lauter Frust in den 1950er Jahren beim Auswärtsspiel in Plymouth angestimmt wurde, als sich eine Niederlage der Rovers anbahnte. Kaum angestimmt, drehte die Mannschaft das verloren geglaubte Spiel seinerzeit noch um, und „Irene“ wurde zur Klubhymne.

Die jüngere Vereinsgeschichte ist überschattet von einer ungelösten Stadionfrage. Das Eastville Stadium wurde 1986 nach den Vorfällen von Hillsborough und Heysel wegen Baufälligkeit gesperrt, und aus Mangel an Alternativen wichen die Rovers in die Nachbarstadt Bath aus, wo sie in dem klitzekleinen „Twerton Park“ spielten.

Nach zig gescheiterten Anläufen, die Genehmigung für den Bau eines neuen Stadions zu erhalten, einigte man sich schließlich 1996 mit dem örtlichen Rugby Club auf ein „Groundsharing“ des Memorial Stadiums, und die Rovers waren endlich „back to Bristol“. Doch das lange Exil hatte Spuren hinterlassen. Traditionell auf Jugendarbeit bauend und sich mit dem Transfer „fertiger“ Spieler finanzierend, hatte man seine Talente aufgrund der geringeren Einnahmen zunehmend früher abgeben müssen. Als dann auch noch das Bosman-Urteil kam und sich auch in England die Fußball-Welt verändert, musste der Klub 2001 zum ersten Mal in der Geschichte in die 4. Liga absteigen. Just zur selben Zeit sorgte die TV-Krise für eine weitere Finanzlücke, woraufhin man 2002 nur knapp dem Sturz in die 5. Liga entging und ernsthaft in der Existenz bedroht war.

2006/07 kam die Wiedergeburt. Grundlage war die Wiederbelebung eigener Werte als „social club“, der inmitten der „community“ lebt. Ein junger Trainer (Paul Trollope, einst für Fulham in der Premier League am Ball), eine junge Mannschaft und eine „never-give-up“-Attitüde sorgten für eine der denkwürdigsten Spielzeiten der Vereinsgeschichte, die nebenbei das enorme Potenzial des Klubs offen legte. Es begann mit einem Siegeszug in der JPT-Trophy, einem Pokalwettbewerb für die Dritt- und Viertligisten Englands. Im Halbfinale trafen die Rovers auf Stadtrivale City, der in einem denkwürdigen Spiel mit 1:0 bezwungen wurde. Anschließend brach eine enorme Euphorie um den Klub aus. Beim Finale im Millenium Stadion von Cardiff wurde der Viertligist von 40.000 mitgereisten Fans unterstützt, und ganz England hockte ehrfürchtig vor den TV-Bildschirmen, als jene 40.000 „Gasheads“ ihr „Goodnight Irene“ anstimmten. Sportlich hatte man Pech – nach fünf Minuten lagen die Rovers bereits 0:2 in Rückstand, erzwangen nach dem Seitenwechsel eine Verlängerung, in der sie mit 2:3 verloren. In der Liga hatte die Elf zu jenem Zeitpunkt elf Punkte Rückstand auf einen „Play-off-Platz“ (die ersten drei der Liga stiegen direkt auf, die Plätze 4-7 berechtigten zur Play-off-Teilnahme). Angesichts sieben noch ausstehender Spiele eigentlich eine unüberwindbare Hürde. Eigentlich, denn am vorletzten Spieltag sorgte ein 1:0-Erfolg über Swindon für das Vorrücken auf den siebten Platz, aus dem eine Woche später dank eines 2:1 in Hartlepool sogar ein sechster Rang wurde. Die „Gasheads“ waren nun nicht mehr aufzuhalten. Als sie Lincoln City auf dem Weg ins Play-off-Finale mit einem 2:1 in Bristol und einem atemberaubenden 5:3-Spektakel souverän ausgeschalten, nahm der Hype um den Klub endgültig Premier-League-Dimensionen an. Die für die Finalparty im Wembleystadion gegen Shrewsbury Town zur Verfügung stehenden 35.000 Tickets gingen innerhalb von nur 72 Stunden über den Ladentisch, und auch eine Nachorderung von weiteren 5.000 Tickets war binnen Stunden ausverkauft. Mehr Karten gab es nicht, und so mussten sich viele Fans mit der TV-Übertragung begnügen, während sich am 26. Mai 2007 eine 40.000 Köpfe starke Kolonne von „Gasheads“ auf den Weg nach London machte.

Wembley 2

Darunter war auch der Verfasser, denn im April war ich während eines Kurzbesuches mit drei Spielen binnen einer Woche (u. a. das erwähnte Swindon-Spiel) mitten in den Rovers-Hype geraten und hatte noch in der Nacht des besiegelten Finaleinzuges Ticket, Flug und Unterkunft gebucht. War das frischeröffnete Wembley schon ein Traum, so war Wembley mit dem eigenen Team mehr als nur ein Traum. Die Atmosphäre war unbeschreiblich und allenfalls mit einem Pokal- oder Länderspiel zu vergleichen, nicht aber mit der Begegnung zweiter Viertligisten. Bereits vier Stunden vor dem Anpfiff waren die zum Stadion fahrenden U-Bahnen prall gefüllt mit Fans beider Lager. Überwiegend trugen sie die blau-weiß-gefelderten Jerseys der Rovers, doch auch Shrewsbury-Fans waren auszumachen – häufig mitten im Gespräch mit den Rovers-Anhängern. 25.000 Tickets waren in der Kleinstadt an der walisischen Grenze verkauft worden – angesichts von kaum mehr als 50.000 Einwohnern eine bemerkenswerte Zahl. Es war eben für beide Seiten ein absolutes Highlight, und auch wenn eine Play-off-Runde möglicherweise nicht der sportlichen Gerechtigkeit dient, ist sie für die Fans ein Geschenk des Himmels: Wann sonst hat ein Viertligist die Gelegenheit, in Wembley zu spielen? Als um 13 Uhr die Stadiontore geöffnet wurden, herrschte im Umfeld Länderspielatmosphäre. Die Straßen waren schwarz vor Menschen, überall offerierten fliegende Händler ihre speziell für die Begegnung gefertigten Fahnen, Schals, Pins und Hütchen, flammten Blitzlichter auf, mit denen die Momente der Ewigkeit auf Celluloid gebannt wurden. Unterdessen trudelte Bus um Bus mit weiteren Fans ein, kutschierten Sonderzüge aus Bristol weitere „Gasheads“ zur „Mutter aller Stadien“.

Wembley 3

Exakt 61.847 Menschen wollten sich die Begegnung zweier Viertligisten schließlich nicht entgegen lassen. Nur die Verwaltung des Wembleystadions sorgte für Missstimmung, weil der gesamte Mittelring sowie der Mittelblock der Gegengerade den Damen und Herren des VIP-„Club Wembley“ (Mitglied u. a.: David Beckham) vorbehalten blieben, von denen allerdings nur wenige persönlich erschienen. Während also in Bristol tausende Fans ohne Ticket vor den Bildschirmen hockten (und in Shrewsbury vermutlich auch), blieben über 20.000 Plätze mit bester Sicht leer. Moderner Fußball... Die Stimmung war dennoch grandios. Es begann mit der Nationalhymne, an deren Ende erstmals ein 40.000-stimmiges „Goodnight Irene“ erklang und sich auch die Shrewsbury-Fans lautstark bemerkbar machten. Die hatten schon nach vier Minuten Grund zum Jubeln, doch aus der frühen 1:0-Führung für den Außenseiter wurde noch vor dem Halbzeitpfiff ein 2:1-Vorsprung für die „Gasheads“. Am Ende einer unterhaltsamen zweiten Halbzeit sorgte Shrewsburys Keeper unfreiwillig für die Entscheidung, als er in der Nachspielzeit in den gegnerischen Strafraum eilte, das Leder verpasste und Rovers Mittelfeldrenner Sammy Igoe allen Platz und alle Zeit der Welt hatte, um das 3:1 zu markieren.

Der Rest war Jubel (na ja, oder Trauer...), der zum Orkan wurde, als die Siegerelf die 107 Stufen bis zur Ehrenloge hinaufkletterte, um die Siegertrophäe in Empfang zu nehmen. Irgendwie surreal. Während eine wahnsinnige Saison somit ihr wahnsinniges Finale fand und 40.000 euphorisierte „Gasheads“ zum wiederholten Male „Goodnight Irene“ anstimmten, machte ich erste Pläne für die nächste Saison, wo die Gegner nun Nottingham Forest und Leeds United heißen - ist ja schließlich keine vierte Liga mehr!

Wembley 4


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