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REZENSIONEN
Vereine

FC St. Pauli

Das Buch. Der Verein und sein Viertel


St. Pauli ist kein gewöhnlicher Verein. Das dürfte allgemein bekannt und akzeptiert sein. Nun feiert der Klub 2010 sein 100. Bestehen, und da durfte man gespannt auf die offizielle Chronik des FC St. Pauli sein.

Sie erschien bereits 2009 im Hamburger Verlag Hoffmann und Campe und trägt den Titel: „FC St. Pauli. Das Buch. Der Verein und sein Viertel“. Das üppig bebilderte 414-Seiten-Werk trägt den Sonderstatus, den der FC St. Pauli im deutschen Fußball einnimmt, gebührend Rechnung. Das Buch ist frech layoutet, strotzt vor Selbstironie und ist eine gelungene Melange von Vereins- und Stadtteilgeschichte.

Das Autorenteam Christoph Nagel und Michael Pahl hat wunderschöne Erinnerungsstücke aus der Geschichte der Braun-Weißen hervorgezaubert und sie anschaulich präsentiert. Reinen Fußballfans mag die jedem der zwölf Kapitel vorgestellte Stadtteilgeschichte über denselben Zeitraum unnötig vorkommen, doch wer die Rolle, die der FC St. Pauli vor allem seit den 1950er Jahren in der Entwicklung des „Kiez“ gespielt hat, kennt, wird dies zu schätzen wissen. Fußballgeschichte ist eben nie losgelöst von der Lokal- und Alltagsgeschichte zu verstehen.

Was man sich allerdings hätte sparen können, ist die „Chronik“-Leiste, die sich durch das gesamte Buch zieht und Weltereignisse aufführt. Warum aber muss ich wissen, wann John F. Kennedy erschossen wurde, wenn mich die Geschichte des damaligen Zweitligisten FC St. Pauli interessiert? Der Platz hätte besser für eine umfangreichere Statistik genutzt werden sollen, denn das ist das einzige, was in dem Buch wirklich fehlt: Keine Tabellen, keine Ergebnisse, keine Spielerauflistungen. Aber nun gut – dafür ist es eine offizielle Chronik über den Gesamtverein und eben nicht die Geschichte der 1. Ligamannschaft.

Deren Geschicke stehen freilich überragend im Vordergrund des Buches. Neben der reinen Chronologie werden regelmäßig Sonderthemen behandelt. Dabei geht es u. a. um Guy Acolatse, einen der ersten farbigen Spieler im deutschen Vertragsfußball, um die diversen Stadionbauten, um den FC St. Pauli im Dritten Reich, um eine verrückte Afrika-.Reise und natürlich um die St.-Pauli-Fanszene. Sehr gelungen fand ich regelmäßig auftauchende Doppelseiten mit zeitgenössischen Stadtplanausschnitten über den Stadtteil und dessen bauliche Entwicklung.

Die Texte sind nett und unterhaltsam geschrieben und geben einen guten Überblick über 100 Jahre FC St. Pauli. Bisweilen schleichen sich ein paar inhaltliche Fehler ein. So fehlt bei der Bundesligagründung 1963 der Hinweis, dass St. Pauli gar nicht in die Bundesliga hätte aufgenommen werden können, weil der HSV schon drin war und es laut DFB nur einen Bundeslígisten pro Stadt geben durfte. Auch bei Vereinsnamen gibt es bisweilen etwas Verwirrung. So ist von einem SC Brunsbüttelkoog die Rede (richtig wäre BSC Brunsbüttel), heißt es SV Barmbek-Uhlenhorst statt HSV Barmbek-Uhlenhorst. Nebensächlichkeiten, die lediglich Experten auffallen werden und den guten Gesamteindruck des Buches auch nicht trüben.

Insgesamt ein Buch, das der Bedeutung und der Sonderrolle des FC St. Pauli angemessen ist. Für Anhänger des Klubs zweifelsohne Pflicht, ist das Buch auch für andere Fußballfans empfehlenswert

Christoph Nagel und Michael Pahl FC St. Pauli. Das Buch. Der Verein und sein Viertel Hoffmann und Campe ISBN: 978-3-455-50098-1 39,95 Euro
Norddeutschland

Mythos Schillerpark

100 Jahre Dessau 05


Viele Jahrzehnte zählte Dessau zu den Fußballhochburgen in Deutschland.

"Mythos Schillerpark" erzählt die Geschichte des im Stadion Schillerpark ansässigen lokalen Aushängeschildes Dessau 05, das zu DDR-Zeiten den Namen "BSG Waggonbau" bzw. "BSG Motor" trug.

Autor Henrik Klemm geht chronologisch vor, wobei er ab der Spielzeit 1935/36 zu quasi jeder Saison einen eigenständigen Text verfasste. Das Buch schildert nicht nur die Geschichte der 05er sondern verschafft schöne Einblicke in die Fußballhistorie der Region und die Zeitumstände. Neben sportlichen Aspekten kommen dankenswerterweise auch viele Anekdoten aus dem Umfeld zur Sprache, werden Zusammenhänge beleuchtet. Zahlreiche Spielerporträts verschaffen einen persönlichen Zugang zu der Geschichte von Dessau 05.

Seine stärkste Phase erreicht das Buch in der Berichtserstattung aus den 1930er Jahren, als die Schwarz-Weißen zu den stärksten Mannschaften in Deutschland zählten und sich Hoffnung auf den Deutschen Meistertitel machen konnten.

Nach Kriegsende ging es für Dessau unter dem Banner der DDR weiter. Dem Autor gelingt es gut, die damit verbundenen Veränderungen zu schildern und einen roten Faden zu behalten. Auch das spätere Abrutschen der nunmehrigen BSG-Motor und das Aufkommen des Lokalrivalen FC Anhalt werden anschaulich geschildert.

Insgesamt ist es ein Buch, das sicherlich nur eingefleischte Dessauer von der ersten bis zur letzten Seite lesen werden. Interessierten sei es dennoch unumwunden ans Herz gelegt, da es eine vorzügliche Quelle über den Fußball in Dessau darstellt.

Fazit: Neben Dessau-Fans sollten auch Historiker zugreifen

Mythos Schillerpark. 100 Jahre Fußball im Norden von Dessau Henrik Klemm Henrik Klemm Buchverlag ISBN: nicht vergeben 424 Seiten, 17x24, Hardcover 27 Euro zu beziehen über: Buchverlag Henrik Klemm, Sebastian-Bach-Straße 4, 06844 Dessau

Schillerpark

Hamburger SV

"UNser HSV" bzw. "Mit der Raute im Herzen"


Zwei dicke Werke mit insgesamt mehr als 1.000 Seiten sind im Herbst 2008 über den Hamburger SV erschienen.

Der Bremer Verlag Edition Temmen veröffentlichte das 688-Seiten-Werk "Unser HSV", während im Göttinger Verlag Die Werkstatt der 472-Seiten starke Schinken "Mit der Raute im Herzen" erschien. Genau die richtige Lektüre für eine Stippvisite im HSV-Museum, dem ich kürzlich endlich den seit langem geplanten Besuch abstattete. Insgesamt kann ich sowohl das Museum als auch die beiden Bücher uneingeschränkt empfehlen - und das nicht nur HSV-Fans.

Die beiden Bücher unterscheiden sich zunächst in ihrer zeitlichen Akzentuierung. Während "Mit der Raute im Herzen" die gesamte Vereinsgeschichte seit 1887 abdeckt, beschränkt sich "Unser HSV" auf den Zeitraum seit Gründung der Bundesliga im Jahr 1963. Erstaunlich, dass "Unser HSV" dennoch rund 200 Seiten dicker ist als "die Raute". Dass sich Autor Axel Formeseyn, ein seit vielen Jahren im HSV-Supporters Club engagierter HSV-Fan, in "Unser HSV" auf die Bundesligazeit konzentriert, mag sinnvoll sein, ist aus meiner Sicht aber dennoch ärgerlich. Gerade der HSV hat eine Geschichte, die weit vor der Bundesliga beginnt, und der Mythos des Klubs reicht zweifelsohne bis in die 1920er Jahre zurück. Die eingeschränkte Zeitschiene passt zu der wachsenden Unart, die Fußballgeschichte erst mit der Bundesliga beginnen zu lassen und die Zeit davor zu ignorieren.

Was der Autor aus den 45 Bundesligajahren der Rothosen seit 1963 zu berichten hat, ist beachtlich und höchst unterhaltsam. Formeseyn schreibt als Fan für Fans - bisweilen klingen seine Zeilen wie ein Fanzine aus goldenen Zeiten. Die lockere Schreibe liest sich flüssig, zumal sie einen gehörigen Hamburger Einschlag aufweist und auch Ironie nicht auslässt. Inhaltlich konzentriert sich der Autor vor allem auf die sportliche Entwicklung und beweist dabei tiefe Einblicke in die HSV-Historie. Begleitet wird jede Saison von einer unglaublichen Statistikfülle, zu den die Aufstellungen jedes HSV-Spiel seit 1963 gehört - inklusive der Freundschaftsspiele! Allein für solche Schlager wie VfR Laboe gegen HSV (0:11 im August 1993) gebührt dem Autor allerhöchster Respekt, während der HSV-Fan vermutlich in dem Meer an Informationen ertrinken wird.

Und wenn wir schon bei Erinnerungen sind: Zu jeder Saison liefert Formeseyn Bildchen sämtlicher HSV-Ligaspieler. Ein weiteres Highlight sind 72 Interviews mit HSV-Persönlichkeiten, die allesamt lesens- und häufig schmunzelnswert sind. Umfassende Gesamtstatistiken und ein Poster mit allen Spielern der HSV-Bundesligageschichte runden das Werk ab. Kritik muss es für die etwas schlappe Verarbeitung geben, die dem 688-Seiten-Wälzer nicht angemessen ist. Vor allem die Bindung sieht nicht sonderlich Vertrauens erweckend auf und lässt nach mehrfachen Gebrauch lose Seiten befürchten.

Für den Verlag Die Werkstatt war das bewährte HSV-Autorenteam Werner Skrentny und Jens R. Prüß an der Feder. Die beiden haben in den diversen Veröffentlichungen ihr Wissen über die Fußballgeschichte im Allgemeinen und die des HSV im Besonderen beweisen. Ein Vielzahl von Gastautoren kümmerte sich um Spezialthemen.

Auch "Mit der Raute im Herzen" folgt dem Konzept, jede Saison in sich abzuschließen und nacheinander abzuhandeln. Darüber hinaus gibt es aber zu jeder Spielzeit einen zeitübergreifenden Einwurf, der sich mit diversen Themen aus der HSV-Geschichte beschäftigt - das können Geschichten wie die des SC Germania Sao Paulo sein, der 1899 von Alt-HSVern in Brasilien gegründet wurde, behandelt aber auch die "Eintragsfliegen" im HSV-Dress oder die traurige Geschichte von HSV-Legende "Tull" Harder. Zu jeder Spielzeit gehört zudem ein ausführliches Spielerporträt.

Das Autorenteam versteht es ebenfalls, flüssig zu goutierende Texte zu verfassen, denen es nicht am Hamburger Snack fehlt. Im Gegensatz zu Formeseyn lesen sich Prüß und Skrenty allerdings weniger als Fanzine sondern wirken ein weniger getragener. Statistisch hat das Werk etwas weniger zu bieten als "Unser HSV" - zugleich aber auch deutlich mehr. Wie das geht? Nun, zu jeder Saison gibt es sämtliche Ligaspiele mitsamt Datum und Zuschauerzahl, die Tabelle und die Zu- und Abgänge. Da dies bereits 1899/1900 beginnt, liegt die gesamte HSV-Geschichte in Daten vor - und damit wesentlich mehr als in "Unser HSV". Dafür fehlen aber dessen Aufstellungen aus der Bundesligazeit. Auch "Die Raute" kann mit einem umfassenden Statistikanhang aufwarten, der keine Fragen offen lässt.

HSV-Anhänger, die sich nicht beide Werke leisten können (und das werden die meisten sein), sind nicht zu beneiden. Über den Preis wird die Entscheidung nicht fallen - der liegt nahezu gleichauf. Wen nur die Bundesligageschichte interessiert, der wird sich logischerweise für das Formeseyn-Buch entscheiden. Wem die gesamte HSV-Geschichte am Herzen liegt, der wird zu Prüß/Skrentny greifen.

Werner Skrentny - Jens R. Prüß Mit der Raute im Herzen Die große Geschichte des Hamburger SV Verlag Die Werkstatt ISBN: 978-3-89533-620-1 472 Seiten, Hardcover 38 Euro

Axel Formeseyn Unser HSV Edition Temmen ISBN: 978-3-86108-894-X 688 Seiten, Hardcover 39,90 Euro

HSV
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