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REZENSIONEN
Regionen

Von der Blötte und den Löwen

Mülheimer Fußballgeschichte(n)

Wenn sich ein Autor im gesetzten Alter als leidenschaftlicher Fan outet und zum Beleg ein verstaubtes, rund dreißig Jahre altes Bild eines brodelnden Fanblockes liefert, in dem er inmitten der "Horde" steht, weiß man, das ein Fachmann am Werk ist.

Helmut Schröder, der in dem Büchlein "Von der Blötte und den Löwen" über die erfolgreichste Zeit des 1. FC Mülheim-Styrum berichtet und dabei auch aus seiner damaligen Erfahrung als jugendlicher Fan erzählt, ist einer von insgesamt vier Autoren, die dem Fußball und seiner Geschichte in der Ruhrstadt Mülheim zu Leibe rückten.

Sie haben das mit einer Verve getan, die mitreißt und auch nicht-Mülheimer gelegentlich eine Gänsehaut versetzt. Wenn die Rede vom VfB Speldorf ist, der 1956 Deutscher Amateurvizemeister wurde und nach der Heimkehr von zigtausenden Fans empfangen wurde, leben die alten Zeiten wieder auf, die natürlich auch Mülheim von Arbeit und Industriegeschichte geprägt ist. Chronologisch vorgehend erzählen die Autoren Mülheims Fußballgeschichte von den ersten Tagen bis in die Gegenwart.

Sie legen immer wieder Schlenker in die deutsche Sportgeschichte ein, so dass die lokale Historie auch ohne tiefere Kenntnisse der allgemeinen Sport- bzw. Fußballgeschichte verständlich wird. Abgeschlossen wird das Werk durch Kurzporträts aller Mülheimer Klubs.

Die Texte sind durchwegs lebendig und voller Leidenschaft geschrieben. Die Autoren haben zahlreiche Zeitzeugen aufgesucht und lassen damit ein klares Bild der Lebensumstände in den jeweiligen Epochen entstehen. Natürlich überwiegt dadurch Wehmut ("früher war alles besser") doch das wird vermutlich keinen Leser stören - wer sich so ein Buch kauft, WILL wehmütig sein... (und außerdem: früher WAR alles besser...)

Fazit: Sehr schöne und inhaltsreiche Aufarbeitung der lokalen Fußballgeschichte.

Von der Blötte und den Löwen
Mülheimer Fußballgeschiche(n)
Klartext Verlag
ISBN: 978-89861-640-9
224 Seiten, 21x24cm, Paperback, viele Abbildungen
20 Euro

Mülheim

Fußballlexikon Hamburg

Während Amateurfußball in Städten wie Berlin und München längst zum Randereignis geworden ist, lebt er in Hamburg erfreulicherweise noch fort.

Klubs wie Altona 93, BU und Concordia haben dort sogar Kultcharakter und locken für Großstädte enorme Zuschauerzahlen an.Hamburg hat natürlich auch eine reichhaltige Geschichte als lebendige Fußballstadt, die weit über den HSV und St. Pauli hinaus geht.

Das haben Andreas Meyer, Volker Stahl und Uwe Wetzner zum Anlass genommen, der Geschichte des Fußballs auf den Pelz zu rücken. In Form eine Nachschlagewerkes werden alle Vereine (mit s/w-Wappen!), zahlreiche Spieler und Spielerinnen, viele Stadien sowie Dinge wie "HSV-Museum" und "Kronprinzenpokal" im Lexikonstil abgehandelt.

Das Buch verschafft einen prima Einblick in die lokale Szene und verleitet zum ständigen Durchblättern und Entdecken. Erfreulicherweise haben sich die Autoren bei den Texten von üblicherweise eher trockenen Lexikontexten fern gehalten und lebendige Porträts verfasst, die neben Information auch eine Menge Unterhaltung bieten. So genannte "Spezials" behandeln einige Themen zudem etwas intensiver, und man erfährt so einiges aus dem Leben von Hamburgs Chefstatistiker Walter Lang oder aber Alois Eisenträger, der einst in Bristol kickte, dort aber das Trikot des falschen Vereins (City, Rovers rules!) trug. Abgeschlossen wird der Band durch einen ausführlichen Statistikteil der bekanntesten Vereine.

Einziges Manko des höchst gelungen Buches sind jene Vereinseinträge, die über die rein statistische Aufzählung der Entstehungsgeschichte nicht hinaus kommen. So erfährt man beispielsweise über Holstein Quickborn zwar, dass sich 1951 der SC Ellerau anschloss, nicht aber, wie es dem Verein sportlich so erging.

Highlights wie "Opa ist tot - die Erinnerung lebt weiter: Aus dem Fotoalbum von Altona 93" macht diese Defizite aber spielend wett, zumal die Hoffnung besteht, dass die Lücken bis zur nächsten Auflagen geschlossen werden können. Fazit: Nachschlagewerk, das weit über einen informativen Charakter hinauskommt und bestens zum Schmökern geeignet ist.

Fußball-Lexikon Hamburg
Verlag Die Werkstatt
ISBN: 978-3-89533-47-1
400 Seiten, 21x24cm, Hardcover, zahlreiche Abbildungen
24,90 Euro

Hamburg

Überall ist der Ball rund

Fußball in Osteuropa

Nach dem äußerst spannenden und informativen Sammelband "Überall ist der Ball rund. Zur Geschichte des Fußballs in Ost- und Südosteuropa" hat das Team um den Bonner Professor Dittmar Dahlmann nun die "zweite Halbzeit" vorgelegt - weitere 15 Geschichten aus der Geschichte des Fußballs hinter dem ehemaligen "Eisernen Vorhang".

Die Reise geht diesmal von Polen über Lettland in das Russische Reich und die Sowjetunion, nach Bulgarien, Rumänien und Bosnien. Als Exkurs gibt es Aufsätze zum jüdischen Fußball in Wien und den Arbeiterfußball in der Schweiz.

Wie im ersten Band stecken die Aufsätze auch in der "zweiten Halbzeit" voller Inhalt und Information. Die Wechselbeziehungen zwischen Sport, Gesellschaft und Politik sowie die Einbettung des Fußballs in soziale, religiöse, ethnische und internationale Konfliktlagen bilden den roten Faden und ermöglichen Einblicke weit über die sportlichen Entwicklungen in den vorgestellten Regionen. Die Autoren haben spannende Bilder gezeichnet.

Dass sich Hooligans in Polen nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. auf einen "Waffenstillstand" verständigten und gemeinsam trauerten, erscheint nahezu unfassbar - vor allem, wenn man zuvor das Kapitel über den "Heiligen Krieg" zwischen Wisla und Cracovia Kraków gelesen hat. Fußball hat eben immer wieder spannende Aspekte, die man erst bei näherem Hinschauen entdeckt.

Auch das Kapitel über "Fußball während der Blockade: Leningrad 1941-1944" fällt sicher unter die Rubrik "ungewöhnlich" und ist umso spannender zu lesen. Hochinteressant ist zudem der Beitrag von Matthias Kaiser über "das Osteuropabild im kicker-Sportmagazin während der Fußballweltmeisterschaften 1962-2006, das interessante Einblicke in den tief in die Redaktionsstuben des Landes hineinreichenden "kalten Krieg" bietet.

Fazit: Wer sich auch von einer Geschichte über den "Fußball in Baschkirien" nicht abschrecken lässt und die nötige Energie zum Blick über den Tellerrand hinaus aufbietet, wird bestens bedient.

Überall ist der Ball rund

Zur Geschichte und Gegenwart des Fußballs in Ost- und Südosteuropa
- Die Zweite Halbzeit
Klartext Verlag
ISBN: 978-3-89861-854-0
400 Seiten, 21x30, Paperback
27,90 Euro

Ball ist rund
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